gestaltberatung

Traumatherapie



Somatic Experiencing® (SE) D nach Peter A. Levine

Trauma ist ursprünglich ein Begriff aus der Medizin und die griechische Übersetzung für das deutsche Wort "Wunde" oder "Verletzung". Zunächst nutzte man den Begriff im rein körperlichen Bereich, später und zwar schon vor über 100 Jahren vor Freud übernahmen Psychiater den Begriff in den seelischen Bereich, d. h. als Bezeichnung einer psychischen Folgeerscheinung eines Ereignisses. Im Laufe der Zeit und der Forschung zum Thema Trauma kann man nun zwischen unterschiedlichen Formen von Traumata unterscheiden, die zwei für mich maßgeblichen Formen kann man in

Schock-Traumata

und

Beziehungs-Traumata

untergliedern.

Schocktraumata resultieren häufig aus Unfällen, dies können Naturkatastrophen oder ein menschlich verursachtes schweres Unheil sein. Das Ereignis ist für den Betroffenen so heftig, dass er in seinen Reaktionsmöglichkeiten in seinem Körper überfordert ist und sich quasi immer noch im Alarmzustand befindet. Eine Lösung aus dem traumatischen Erlebnis hat demnach noch nicht stattgefunden.

Von einem Beziehungs-Traumata kann man bei fortlaufenden frühen negativen Erfahrungen von Säuglingen und Kleinkindern mit seiner direkten Umgebung, in der Regel seiner Mutter sprechen. Dies hat etwas zu tun mit der von John Bowlby begründeten Bindungstheorie, mit dem tiefen Bedürfnis eines jeden Menschen, eine stabile, verlässliche und intensive Bindung einzugehen.

In den letzten zehn Jahren zeigen Erkenntnisse aus der Gehirnforschung, dass die Entwicklung des Gehirns des Fötus bereits im letzten Drittel der Schwangerschaft beginnt und Störungen in dieser frühen Mutter-Kind-Beziehung bereits große Auswirkungen auf die Entwicklung der rechten Gehirnhälfte, also dem Sitz der emotionalen Intelligenz haben. Die von Allan Schore beschriebene Affekt-Regulierung besagt, dass der Säugling sich nicht selbst beruhigen kann und er dazu eine externe Person, in der Regel die Mutter, benötigt, die seine Bedürfnisse erkennt. Sie befriedigt durch angemessene Reaktion diese Bedürfnisse und vermittelt damit dem Säugling die benötigte Sicherheit. Fehlt diese Regulierung, hat dies gravierende Konsequenzen für die Ausbildung des Gehirns und der Psyche. Dadurch wirkt der seelische Stress auf das Kind kumulativ, d.h. er häuft sich an. Beim Erwachsenen können daher schon kleinste Stressoren diesen in größten Alarmzustand versetzen, der mit der momentanen Realität nichts zu tun hat und die von ihm nicht oder nur sehr schwer beeinflusst werden kann.

Die Beziehungstraumata entstehen also nicht durch einzelne Ereignisse, sondern durch sich wiederholende Ereignisse, die über einen längeren Zeitraum andauern; z.B. durch das fortlaufende fehlende Unvermögen der Mutter auf die Bedürfnisse des Kindes angemessen zu reagieren, sei es durch Vernachlässigung oder aggressivem Verhalten durch die Mutter.

Es gibt nun verschiedene Ansätze und Methoden, die Verarbeitung von diesen Traumata therapeutisch zu begleiten. Die meisten von ihnen beachten die im Körper- und Nervensystem ablaufenden Reaktionen jedoch nicht in ausreichendem Maße.

Der amerikanische Traumaforscher Dr. Peter A. Levine, der in medizinischer Biophysik und Psychologie promovierte, beschäftigt sich seit den 70er Jahren mit dem Thema Schock und Trauma und entwickelte daraus hervorgehend die Methode Somatic Experiencing® (SE).

Peter Levine beobachtete Tiere in der freien Wildbahn und stellte bei seinen Verhaltensbeobachtungen fest, dass diese häufig lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt, aber nicht traumatisiert sind. Die Tiere verfügen über angeborene Mechanismen, die es ihnen möglich machen, diese Stressenergie mittels eines instinktiven Reiz-Reaktions-Zyklus wieder abzubauen. Dieser Zyklus geht auf das ursprüngliche Jäger-Beute-Verhalten zurück mit seinen drei Reflexoptionen: Flucht, Angriff oder sich Tot stellen.

Die Menschen sind seit der Urzeit mit den gleichen regulierenden Mechanismen ausgestattet, nur erlaubt unser "Ratio" im Gehirn oft nicht die Ausführung der Flucht- oder Angriffreaktionen und die Überlebensreaktionen, die von unserem Nervensystem geplant wurden, werden nicht vollendet. Die vom Körper im Alarmzustand zur Verfügung gestellte Überlebensenergie wird nicht oder nicht vollständig aufgelöst. Der Organismus bleibt in der Bedrohung der Vergangenheit stecken und reagiert weiterhin darauf. Daher sind in der Folge die in der Gegenwart zu beobachtenden Reaktionsweisen noch oft mit den Erfahrungen in der Vergangenheit rückgekoppelt.

Das Nervensystem entwickelt also durch körperliche und seelische Verletzungen, wie sie durch Unfälle, Operationen, schweren Krankheiten, Missbrauch, Gewalt und Bedrohung, Naturkatastrophen, Krieg und Verlusterlebnissen entstehen können, im Körper und in der Seele chronische, traumatische Stress-Symptome. Diese können für den Betroffenen oft verwirrend und auch beängstigend wirken und sowohl im psychischen als auch im körperlichen Bereich liegen.

Diese Symptome zeigen sich oftmals erst Jahre nach dem Erlebnis mittels Depressionen, Ängsten und Panikattacken, Schlafstörungen, Erschöpfung, chronischen Schmerzen oder Migräne, Übererregbarkeit oder Wutausbrüche, Bindungsunfähigkeit, psychosomatische Krankheiten und andere Störungen.

Bei der Aufarbeitung von diesen traumatischen Symptomen muss man deshalb die körperliche Reaktion auf das Ereignis als ein eigenes Phänomen verstehen und dementsprechend berücksichtigen. Wenn es dem Menschen gelingt, die biologischen Prozesse schrittweise und langsam zu vervollständigen, so ist es ihm möglich wieder seine volle Lebensenergie zurück zu gewinnen, die ihm durch das Trauma nicht mehr zur Verfügung stand.

"Ein Trauma ist im Nervensystem gebunden. Es ist somit eine biologisch unvollständige Antwort des Körpers auf eine als lebensbedrohlich erfahrene Situation. Das Nervensystem hat dadurch seine volle Flexibilität verloren. Wir müssen ihm deshalb helfen, wieder zu seiner ganzen Spannbreite und Kraft zurückzufinden". (Dr. Peter A. Levine)

Das von Peter Levine entwickelte Modell "Somatic Experiencing (SE)" beruht auf diesen Beobachtungen und der Erkenntnis, dass es sich bei einem Trauma um eine komplexe psycho-physiologische Reaktion des Menschen handelt und ist daher eine körperpsychotherapeutische Methode zur Bewusstmachung, Überwindung und Integration von Schock- oder traumatischen Ereignissen. Sie ermöglicht, mit solchen Erfahrungen behutsam, aber trotzdem in der Tiefe erfolgreich zu arbeiten.

Mit Somatic Experiencing wird das traumatische Ereignis körperlich und geistig "neuverhandelt". Entscheidend dabei ist die Reaktion des Nervensystems und nicht das Ereignis selbst, wodurch es möglich ist, ohne Inhalt und Erinnerung zu arbeiten. Eine emotionale Belastung oder mögliche Re-Traumatisierung kann dadurch vermieden werden. Die "eingefrorene" Energie wird durch diese Methode mittels Körperempfindungen, Ressourcen, inneren Bildern, Gedanken, Gefühlen und Bewegung in kleinen Dosen "aufgetaut" und die tief verankerten Nachwirkungen des traumatischen Ereignisses langsam aufgelöst. Aus dem traumabedingten Gefühl von Lähmung und Erstarrung kann wieder ein Gefühl von Lebendigkeit entstehen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es die Hilfe für den Traumatisierten darin besteht, mit ihm ein heilendes Bild erschaffen und in seinem Nervensystem zu verankern. Dem Nervensystem ist es egal, ob das Bild real oder Fantasie ist. Das Bild kann bei den möglicherweise retraumatisierenden Situationen immer wieder hergeholt werden und kann für die Traumatisierten ein wichtiges Handwerkszeug zum Mitnehmen werden.

(Darstellung in Anlehnung an die Publikationen von Levine, Frederik, Kline, Kösel)